(...aus 2 verschiedenen Betrachtungswinkeln)
Verschärft!
(Bernds Version)
Heimfeld ist Reimfeld - unter diesem Motto begann vor vielen Jahren eine unglaubliche Erfolgsgeschichte in Sachen Literatur-Subkultur im von vielen verkannten Stadtteil Hamburg-Heimfeld.
Ein Harburger Kunstliebhaber und Literatur-Experte startete in den frühen Jahren des neuen Jahrtausends den 2.ten Poetry-Slam Hamburgs - und seitdem steht die Hamburger Kunst- und Literaturszene Kopf; nichts ist mehr so, wie es früher einmal war!
Alle 2 Monate schaukeln die Emotionen hochhaushoch wenn politisch korrekte Balladen von -durch geballten Sex berstende- Teenager-Reimen abgelöst werden um dann lyrisch anmutender Alt-68er Ökowanderschafts-weltbetrachtungspoesie Platz zu machen, bevor hammerharte Männerballaden zu hartgeriffter Gitarrenmucke in die gierig-empfängnisbereiten Hirne der aufgepeitschten Zuschauerschar hineingehämmert werden.
Manch einmal hilft nur ein in höchster Verzweiflung gebrülltes AUFHÖREN um die Stimmung nicht in eine wüste Orgie münden zu lassen - gottseidank ist immer ein Vertreter der Jungen Union anwesend, der diese Rolle gegebenenfalls übernimmt...
Wir verneigen uns ehrfurchtsvoll vor dem noch älteren Molotow-Slam; doch ist auch klar, dass erst durch die endlose Erfolgsgeschichte des Heimfeld-Slams eine Hamburger Slam-Inflation einsetzte, die man mittlerweile kritisch beobachten muss.
Wir wollen damit nicht sagen, dass man den Molotow-Slam mit Mercedes, den Heimfeld-Slam mit Maybach, den Zeise-Slam mit Borgwardt, den Pony-Slam mit Trabant und die neuesten Slams mit irgendwelchen namenlosen Japanern vergleichen könnte.
Dennoch gilt beim Slam wie auch beim Auto: Augen auf beim Eierkauf!!!
Jetzt aber mal ehrlich...
Die eigentliche Idee zu diesem Slam hatte 2002 ein harburgweit bekannt- und gefürchteter Alt-Anarchist, mit dem mich seit einiger Zeit eine Freundschaft verbindet. Er war es Leid zwecks Genusses eines Poetry-Slams immer den weiten Weg über die Elbbrücken zu wagen und schlug vor eine Veranstaltung dieser Art auch in Harburg zu etablieren. Als geeigneter Ort erschien ihm die kleine Kulturwerkstatt "ALLES WIRD SCHÖN e.V." im Stadtteil Heimfeld mitten im Herzen des südlichsten Hamburger Bezirks Harburg. Er hatte diese Heimfelder Institution vor über 20 Jahren selbst mit aufgebaut . Dort finden nicht nur gelegentlich kulturelle Events (wie Lesungen, Ausstellungen) statt, sondern der Laden ist auch ein Treffpunkt von politischen Gruppen; außerdem gibts es regelmäßige Kunstprojekte u.a. mit den Kindern des Viertels.
Anfangs war ich skeptisch - die Räumlichkeiten kamen mir winzig vor, doch dann ließ ich mich vom Charme des "Ladens" überzeugen und begann mit der Mobilisierung für den ersten Heimfeld ist Reimfeld (der Slogan kam mir bei Körperenschlackungsprozessen auf der Toilette in den Sinn) Poetry-Slam im Früjahr 2002. Als Co-Moderatorin fiel mir spontan Mara ein. Trotz eines erheblichen Altersunterschiedes von 10 Jahren schien sie mir gut geeignet mit ihrer prägnanten Stimme, ihrem extravaganten Äußeren und rauhen Lieblichkeit, mir auf der Bühne eloquente Paroli zu bieten. Und diese Vermutung sollte sich bewahrheiten. :-) Leider kamen zum Premieren-Slam fast genauso viele ZuschauerInnen wie DichterInnen und eigentlich wollten wir in unserer ersten Enttäuschung ob des geringen Interesses, die Veranstaltungsreihe schon wieder beenden. Doch dann verlief der Abend so rund, ergötzlich und unterhaltsam, dass für alle Beteiligten und Anwesende klar war: Wir machen weiter.
Zunächst sporadisch 1 mal pro Vierteljahr, mit stetig wachsendem Zuschauerinteresse dann regelmäßig alle 2 Monate. 2003 erschien Heimfeld dann in Darmstadt (dichterisch unterstützt von Bud Rose und Wehwalt Koslowski) zum ersten Mal bei einer deutschen Meisterschaft (Slam 2003) und ist seitdem dort regelmäßig (allerdings ohne Final-Teilnahmen) in Erscheinung getreten.
Von Anfang an war mir wichtig, dass unsere Slam sich von dem Poetry-Slam im Molotow (und später anderen Hamburger Slams) unterscheidet. So haben wir zwar das Publikums-Jury System übernommen und maßen uns ebenfalls an, am Ende einen rein subjektiven Preis an irgendjemanden (nicht unbedingt SlammerIn), der/die uns besonders gefallen hat zu verleihen. Ansonsten aber ist in Heimfeld vieles etwas anders:
Durch die Enge des Raumes entsteht eine ziemliche Intimität zwischen Publikum und Auftretenden. Ablehnung oder Begeisterung bekommt der Poet/ die Poetin direkt zu spüren. Texte die auf anderen Hamburger Slams funktionieren können bisweilen scheitern, während Werke die in Heimfeld bejubelt werden manchmal anderswo nicht funktionieren. Dennoch wird in Heimfeld auch ein schwacher Text und Auftritt (im Gegensatz zum Molotow-Slam) nicht von der Bühne gebuht. Es ist immer ein großes Stück Unberechenbarkeit mit dabei, auch was die Zusammensetzung des Publikums oder allgemeine Stimmung angeht; und gerade das macht den Reiz aus! Als Moderatoren versuchen wir ebenfalls jedes mal den Slam anders zu gestalten, indem wir u.a. (teilweise auch mit unserer Garderobe) tagespolitische oder gesellschaftlich relevante Themen (z.B. Vogelgrippe, Fleischskandal Deutschland-Wahn und WM) meist ironisierend aufgreifen, unsere Un- Fähigkeiten als Privatpersonen einstreuen und das Publikum gelegentlich zur Interaktionen auffordern in dem es auf kleine Extra-Zettel aufschreiben soll was sich z.B. alles auf Jürgen Klinsmann reimt oder was noch ekeliger als Gammelfleisch ist. Die Zettel lesen wir dann am Ende des Abends vor und küren das genialste Werk. Trotzdem stehen natürlich die Slammerinnen und Slammer im Mittelpunkt!
Die Preise die wir dann im Finale verteilen, fallen meist unter die Rubrik "gnadenlos großartig" . So kann es passieren, dass ein/e GewinnerIn (neben handgefertigter Medaille und Edel-Getränk) mit 15 Packungen Toilettenpapier nach Hause gehen muss, sich an 50 Paketen Sauerkraut erfreuen darf oder anstelle eines Buches über Hartz 4, vier Bücher über den Harz bekommt.
Auch nach unserem Umzug 2007 ins Café Leben (welches einfach noch ein wenig besser zu erreichen ist als das „Alles wird schön“) hat sich an den grundsätzlichen Dingen nichts geändert...